Ein Fallschirmsprung zum 89. Geburtstag

10 Jul

Karl-Heinz Noack sorgte für Staunen beim Tandem-Springen des Vereins „Skydive Lausitz“ in Nardt.

Freude kam nachher auf über den geschafften Tandem-Sprung

Karl-Heinz Noack hat eine feste Devise. „Sport ist keine Frage des Alters. Sport ist Sache des Kopfes. Sport hält jung und lebendig“, meinte der 89-jährige Langstreckenläufer aus Hoyerswerda, Mitglied im Niederlausitzer Läuferbund Cottbus. Seit 1993 läuft er regelmäßig Marathon. 2007 wurde er in seiner Altersklasse M 80 im polnischen Poznan Vize-Europameister und 2008 im slowenischen Ljubljana Europameister. 2009 bei der Senioren-WM in Lahti (Finnland) wurde er in seiner Altersklasse M 80 im Marathon Dritter und im Wettkampf über 10 000 Meter sogar Vize-Weltmeister… Am Sonnabend beim traditionellen jährlichen Tandem-Fallschirmspringen des Vereins „Skydive Lausitz“ auf dem Flugplatz Nardt wagte sich der 89-Jährige unter die Springer. Neugier und Freude am Fliegen spornten ihn an. Seine Frau Sigrid, Sohn Frank-Dieter sowie Enkel und Urenkel fieberten mit. „Der Fallschirmsprung ist unser Geschenk der Familie zu seinem 89. Geburtstag am 10. Mai. Wir wollen ihm Freude bereiten, ihm einen langgehegten Wunsch erfüllen“, sagte Sohn Frank-Dieter (59) aus Lauta.

Vater Karl-Heinz und die 23-jährige Phuong Phan aus Coswig gehörten zu den ersten Springern. Die Tandempiloten Jörg Blaeßius und Marko Koark wiesen sie in grundlegende Regeln ein. „Drei Dinge sind wichtig“, erläuterten sie. „Das Becken nach vorn halten. Wie eine Banane. Beim Landen die Beine hochnehmen. Drittens: Freude und Spaß.“ Sicherheit gilt als oberster Grundsatz. Direkt am Körper des Laien-Springers fliegt der Tandem-Pilot mit. Er achtet auf richtige Stellung der Beine und Hände. Immer wieder gibt er Anweisungen, ermutigt. Bis in 2 600 Meter Höhe stieg das Flugzeug Antonov 2 mit den Fallschirmspringern. „Fachleute sagen: Es ist der größte einmotorige Doppeldecker der Welt“, erklärte Pilot Frank Born. Gemeinsam mit Bordmechaniker René Dill steuerte er die Maschine. Sie gehört dem Cottbuser Fallschirmclub (CFC). 1973 wurde sie gebaut, kommt auf 1 000 PS Leistung. Zwölf Fallschirmspringer fasst das Flugzeug AN 2. Sein Ursprung lag 1946 in der Sowjetunion. Dort wurde das Flugzeug konstruiert. Dort ging es in Serie. Zu Nikita Chruschtschows Zeiten war das Konstruktionsbüro in Kiew. Dort wurden 680 Flugzeuge AN 2 gebaut. Die Polen bauten später bis in die 1970er-Jahre hinein rund 12 000 AN 2. Sehr vielseitig kam das Flugzeug zum Einsatz. Die DDR-Fluggesellschaft Interflug nutzte es als Passagier- und Foto-Flugzeug. Die AN 2 diente zudem als Sanitätsflugzeug. Die Nationale Volksarmee der DDR nutzte die AN 2 als Absetz-Flugzeug für Fallschirmjäger und Fallschirmspringer, ebenso als Kurier-Flugzeug zur militärischen Aufklärung. Die Gesellschaft für Sport und Technik (GST) bildete darin Fallschirmspringer aus. In der Sowjetunion und in Polen diente die AN 2 auch als Düngeflugzeug für die Landwirtschaft. Die vietnamesische Volksarmee setzte die AN 2 im Vietnam-Krieg als Bomben-Flugzeug ein. Im Strecken-Flug verbraucht die AN 2 rund 170 Liter Kraftstoff pro Stunde. Im Fallschirm-Flug liegt der Verbrauch sogar höher. Allein drei Liter Öl frisst das Flugzeug pro Stunde. Zur Verdeutlichung: Allein ein Liter Flugbenzin kostet heute rund 2,30 Euro. „Der Aufwand an Kraftstoff und Wartung ist sehr hoch. Wirtschaftlich ist das Flugzeug sicher nicht mehr zu betreiben“, unterstrich René Dill. „Doch der ideelle, historische Wert ist groß.“ In Deutschland gibt es heute höchstens noch zwölf Modelle der AN 2. Zum Betrieb, zur Pflege und zum Erhalt riefen Frank Born, René Dill und andere Flugfreunde 2015 den Verein „Tante Anna Cottbus.“ ins Leben.

Am Sonnabend in Nardt steuerten die beiden das Flugzeug AN 2 sicher wieder auf den Flugplatz zurück. Die Bedingungen waren nicht ganz einfach“, meinte Frank Born. Im Himmel bildeten sich Wolkentürme. Es gab immer wieder Flugverkehr. All dies galt es, sorgfältig zu beachten.

Herausforderung und Bestätigung

„Der Fallschirm-Sprung war ein Erlebnis“, meinte die Coswigerin Phuong Phan im Nachhinein. „Für mich war es Nervenkitzel. Auch der Wille zu kämpfen.“ Mit Joggen und Bergsteigen hält sich die Masseurin sonst sportlich fit. Für Karl-Heinz Noack war der Fallschirmsprung Herausforderung und Bestätigung. Gelernt hat er ursprünglich Kaufmannsgehilfe. „Doch in diesem Beruf habe ich nicht gearbeitet“, schilderte der Hoyerswerdaer am Sonnabend. „Stattdessen war ich seit 1954 bis 1979 im Musikkorps der NVA-Luftstreitkräfte in Kamenz.“ An zahlreichen NVA-Meisterschaften „Stärkster Mann“ nahm er teil. Dazu gehörten Disziplinen wie Klimmziehen, Beugestütze am Barren, Kniebeugen mit Gewicht und Schlussdreisprung. „Solange ich kann, will ich weiter Sport treiben“, bekräftigte er nach seinem gelungenen Fallschirm-Flug in Nardt.

Staunen rief er damit bei vielen Jüngeren hervor. Hochachtung zollten ihm die Mitglieder vom gastgebenden Verein „Skydive Lausitz“. „Alle Achtung. Ich finde es gut, dass wir sogar Menschen im hohen Alter noch für das Fallschirmspringen begeistern können“, freute sich Detlef Ide, Vorsitzender des Vereins. Dieser besteht seit 2001. Heute gehören 15 Mitglieder im Alter zwischen 25 und über 60 Jahre dazu. Das Tandem-Sprung-Wochenende gehört fest zum Jahresprogramm. Dabei geht es nicht um Wettkampf. Dabei geht es pur um Freude am Fallschirmspringen. „Es ist ein Wochenende speziell für unseren Verein“, so Detlef Ide. „Wir laden Gäste und Gleichgesinnte ein, begrüßen Interessierte, die das Tandem-Springen ausprobieren wollen.“ Detlef Ide selbst ist schon über 1 000 Mal gesprungen. Der freie Fall, das Gefühl völliger Freiheit und Ungebundenheit begeistern ihn immer wieder. Rund 30 Interessierte sprangen auch in diesem Jahr aus der AN 2 aus 2600 Metern Höhe. „Wir wollen das Tandem-Springen weiter beibehalten“, unterstrich der Vorsitzende. „Es soll etwas Besonderes bleiben. Nach innen stärkt es unseren Verein. Nach außen ist es gute Werbung für die Sportart.“

Weitere Mitglieder und Interessierte sind willkommen. Jeden Montag ist 19 Uhr Treff im Vereinslokal , dem Irish Pub „Black Raven“ an der Einsteinstraße in Hoyerswerda. www.skydive-lausitz.de.

Mit freundlicher Genehmigung der Sächsischen Zeitung/Hoyerswerdaer Tageblatt vom 10.07.2017 (Andreas Kirsche)