Wenn es im Bauch kribbelt

8 Mai

Einen Einsteigerkurs für Segelflieger veranstaltete der Aeroklub Nardt. Unverhofft ging es für die Autorin hoch hinaus.

Toni Kochwatsch (vorn) hatte beim Einsteigerkurs für Segelflieger viel Spaß. Hier ist der 15-Jährige kurz vor seinem Start mit Fluglehrer Winfried Ketzel zu sehen. Foto: Silke Richter

So war das nicht geplant. Es sollte ein ganz normaler Pressetermin werden. Und dann das! Aber der Reihe nach. Denn eigentlich sollte an dieser Stelle „nur“ nachzulesen sein, wie Flugschüler am Wochenende den Einsteigerkurs für Segelflieger vom gastgebenden Aeroklub Hoyerswerda empfunden haben. Diese Kurse veranstaltet der Verein regelmäßig, um Nachwuchs zu gewinnen und das Interesse an dieser Sportart zu wecken. Ich habe, ehrlich gesagt, immer gedacht, der Segelflugsport ist für mich nicht erste Wahl. Zu viel Technik, zu viele naturwissenschaftliche Aspekte, die es zu verstehen und zu beachten gibt, und vor allem: ein gewisses Unbehagen beim Gedanken daran, in einem Segelflugzeug an einer Seilwinde in die Höhe gezogen zu werden, um dann in der Luft zu gleiten.

Also sammle ich die Fakten lieber am Boden. So war zumindest mein Plan. Bis ich mit dem Vereinsvorsitzenden Roland Pietsch kurz ins Gespräch komme. „Bislang war es meist so, dass die Pressevertreter immer vom Boden aus stehend berichteten. Wer aber darüber schreiben will, sollte wenigstens einmal mitgeflogen sein, um ein Gefühl dafür entwickeln zu können“, meint er. Ich weiß jetzt nicht genau was ich denken soll. Die Aufschrift auf den Jacken der Vereinsmitglieder „Wir sehen alles etwas anders“ bekommt jetzt für mich eine völlig neue Bedeutung. In mir drin vermischen sich Unsicherheit, etwas Angst und ja, Neugier. Eine Frage habe ich aber noch: „Was ist, wenn mir da oben komisch wird?“ Dann sei es halt so, aber es werde schon nicht so schlimm werden, meint Pietsch gelassen, schnappt sich kurzerhand meine Fototasche, um diese in vertrauensvolle Hände zur Aufsicht zu geben, während wir beide ein Segelflugzeug ansteuern. Worauf habe ich mich hier eingelassen?, schießt es mir durch den Kopf, als mir Roland Pietsch und Marvin beim Anlegen des Fallschirmes helfen. Diesen zu tragen ist Pflicht, auch wenn es nur zur Sicherheit ist, erfahre ich. Ich denke jetzt nicht an Absturz oder Schlimmeres. Dafür habe ich gar keine Zeit. Irgendwie muss ich in die enge Sitzkabine kommen. Hier steht und fällt alles mit der richtigen Einstiegstechnik. Geschafft. Die Gurte sitzen straff, ich kann mich kaum noch bewegen. So soll es sein. Marvin erklärt mir kurz die einzelnen Geräte wie den Höhenmesser. Die Bremse links und den Steuerknüppel in der Mitte soll ich bitte nicht berühren. Schreien. Schreien geht aber, sagt Pietsch lächelnd. Die Kabine wird geschlossen. Ich fange an zu schwitzen. Es geht los. Von jetzt auf gleich bin ich in einer anderen Welt. In drei Sekunden startet das Segelflugzeug von Null auf Hundert. Ich werde durch die hohe Geschwindigkeit in den Sitz gepresst und ergebe mich der Situation. Ich kann nicht denken, nicht atmen und auch nicht schreien. Nur Schlucken. Schlucken geht. Das Gefühl habe ich so noch nie erlebt. Es ist schlimmer als auf einer Achterbahn. Und ich will, dass es aufhört. Jetzt. Diese Schrecksekunden dauert eine gefühlte Ewigkeit. Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich nicht eingestiegen… Und plötzlich sind wir schon oben. Aus über 400 Meter Höhe sehe ich Hoyerswerda und den Scheibesee aus einer bislang unbekannten, schönen Perspektive. Die Neustadthochhäuser wirken klein, fast wie Puppenhäuser.

Mir geht es wieder relativ gut und ich kann langsam die herrliche Fernsicht genießen. Ich habe keine Ahnung, wie lange wir in der Luft gleiten. Roland Pietsch meint noch, dass die Aussicht heute nicht so toll sei, und schon setzen wir wieder langsam zur Landung an. Schlimmer als der Start kann sie nicht sein, denke ich, während wir schon kurz vor der Landebahn sind. Nachdem ich ausgestiegen bin, will ich von Roland Pietsch zuerst wissen: Wie sehe ich aus? Nach diesem Flug muss sich meine Gesichtsfarbe rapide geändert haben, irgendwas zwischen leichenblass und hochrot. „Sie sehen ein bisschen glücklicher aus als vorher“, meint er lächelnd. Ich bin mir bei meiner Beschreibung der eigenen Gefühlswelt noch nicht ganz sicher. Es ist so ein Zwischending von „wieder glücklich auf dem Boden zu sein“ und „jawohl, ich habe es einfach getan“.

Ich treffe auf Teilnehmer des Wochenendcamps, Toni und Oliver. Die Brüder sind mit ihrem Vater Reimo Kochwatsch gekommen, weil sich alle drei für Flugzeuge interessieren. Und selbst Mutter Carina habe sich vorgenommen, demnächst Fallschirm zu springen. „Ich glaube, das Fliegen liegt bei uns ein bisschen in der Familie“, meint Oliver, der seinen ersten Flug in einem Segelflugzeug am Sonnabend als sehr aufregend empfand. Die Brüder und ihr Vater lernten in der Theorie und in der Praxis die einzelnen Arbeitsabläufe auf dem Flugplatz kennen. Toni könnte sich sogar vorstellen, dem Aeroklub beizutreten. Oliver ist sich da noch nicht ganz so sicher und will darüber nachdenken. „Aber das Fliegen ist ein einzigartiges, sehr schönes Gefühl. Man muss sich nur mal trauen. Auch wenn es im Bauch ganz schön doll kribbelt“, meint der 12-Jährige. Dem kann ich jetzt nur zustimmen.

Mit freundlicher Genehmigung der Sächsischen Zeitung/Hoyerswerdaer Tageblatt vom 08.05.2017 (Silke Richter)

Für Silke Richter ging es in die Luft.