Flug-Theorie für alle

30 Jan
Flug-Theorie für alle
Flug-Theorie für alle

Profilbezugslinie des Tragflügels, elliptische Auftriebsverteilung, Kurvengewichtskraft … Fachbegriffe fliegen durch den Raum, und wer nicht in der Materie drinsteckt, der versteht wahrscheinlich nur „Bahnhof“: An diesem Nachmittag ist in einem Seminarraum im Jugendklubhaus „Ossi“ Flugtheorie-Schulung angesagt. Bevor man in die Lüfte steigen kann, muss man sich nämlich auf den Hosenboden setzen und lernen. Die drei Jugendlichen und ein gestandener Mann, die hier in ihrer Freizeit freiwillig Mathematisch-Physikalisches pauken, sind Segelflugschüler beim Aeroklub Hoyerswerda.

Der Verein veranstaltet die Theoriekurse für seine Flugschüler im Winter, normalerweise an Wochenenden im Vereinshaus auf dem Flugplatz Nardt. Doch nun will der Aeroklub neue Wege gehen, mehr interessierten Nachwuchs erreichen, sich öffnen für andere. Deshalb läuft der aktuelle Kurs, der im November begonnen hat und bis Ende April dauert, eben im „Ossi“, wo Kinder und Jugendliche nachmittags ihre Freizeit verbringen. Wochentags, nicht mehr am Wochenende, wenn man vielleicht mit Eltern oder Freunden anderweitig unterwegs sein möchte. Und die Tür zum Schulungsraum steht offen für alle Interessenten, betont Fluglehrer Alexander Görnitz. „Wer möchte, kann sich gern dazusetzen.“ Mitdiskutieren ist erwünscht. Der alle ein bis zwei Wochen stattfindende vierstündige Block-Unterricht läuft in lockerer Atmosphäre ab. Man duzt sich, spricht auf Augenhöhe miteinander, bringt seine Erfahrungen ein. Auf dem Flur draußen wird es hin und wieder laut: Klar, man sitzt in einem Haus, in dem Kinder und Jugendliche ihre Freizeit verbringen.

Fluglehrer Jürgen Jannschk mit seinen Schülern
Fluglehrer Jürgen Jannschk mit seinen Schülern

Wissen nach einem speziellen Lehrplan muss trotzdem vermittelt werden. Wer selbst einen Segelflieger steuern will, muss über Meteorologie und Flugplanung, Navigation oder Flugzeugkunde Bescheid wissen. Jürgen Jannaschk, der den Unterricht an diesem Tag leitet, weist seine Schüler in der heutigen Einheit über Grundlagen des Fliegens mehrfach daraufhin, dass der Pilot im Segelflieger sein eigenes Gewicht und die nötige Zuladung an Gewichten kennen muss. Einer der Jungs am Tisch hat da (noch) ein Problem, worum ihn manch anderer vielleicht beneiden mag: Er ist zu leicht. Die Runde schmunzelt. „Iss, iss!“, meint der Fluglehrer, und einer der Jugendlichen schiebt seine Pommes-Schale rüber.

Am Ende des Unterrichts, wenn die Schüler Kladden und Stifte wieder einpacken, bekommen sie keine Hausaufgaben mit. „Aber Wissenslücken sollten die Schüler selbst erkennen und ab einer bestimmten Phase auch Fragen beantworten können“, sagt Alexander Görnitz. Fluglehrer Jürgen Jannaschk stellt an diesem Unterrichtstag eine ganze Menge Fragen: „Was musst du machen, wenn du eine Kurve fliegst, 45 Grad Vollkreis?“, „Mit welchem Ruder drehst du um die Längsachse?“, „Wann muss der Schwerpunkt des Flugzeugs neu festgestellt werden?“… Wer die Antwort nicht weiß, der kann im Handbuch nachschlagen. Noch. Es ist ein bisschen wie bei der Fahrschule, meint Alexander Görnitz. Am Ende des Kurses steht eine Prüfung an – und dann darf man allein fliegen. Gemeinsam mit einem Lehrer ist das Fliegen möglich, sobald man die nötige Reife erlangt hat. Die aktuell vier Teilnehmer des Kurses sind allesamt Vereinsmitglieder. Das Reinschnuppern in die Theorie ist für alle Interessenten kostenfrei, der Kurs läuft ja bereits. Wer „richtig“ Fliegen beim Verein lernen will, zahlt eine „Flatrate“ von 40 Euro im Monat. Flugschüler, die oft auf dem Vereinsgelände in Nardt anzutreffen sind und sich dort einbringen, können für das Geld auch ganz schön oft fliegen.

Es gehe nicht nur darum, junge Leute mit Wissen auszustatten, sagt Alexander Görnitz. Sie lernen, wie ein Vereinsleben funktioniert, dass das ein Geben und Nehmen ist. Dass man Verantwortung übernehmen muss. Sozusagen ein Stück weit Lebenserfahrung. Auch handwerkliche Kenntnisse bekommt man mit.

An den Schnuppertagen auf dem Flugplatz für interessierten Nachwuchs hält der Aeroklub auch in diesem Jahr fest. Am 17. Februar [2017], in den Winterferien, gestaltet der Verein einen Tag im „Ossi“ im Zuge der dortigen Ferienangebote. Ein „echtes“ Flugzeug ist dann zwar nicht vor Ort, aber immerhin ein Flugsimulator.

Der nächste Unterricht findet am 31. Januar [2017] um 16 Uhr im Jugendklubhaus „Ossi“ statt. Thema ist Luftrecht und Flugsicherungsverfahren.

Mit freundlicher Genehmigung der Sächsischen Zeitung/Hoyerswerdaer Tageblatt vom 21.01.2017 (Anja Wallner)